„Grüner wird’s nicht“: Datacenter zwischen KI-Boom, Energieeffizienz und Standortwettbewerb

Der KI-Boom treibt den globalen Rechenzentrumsmarkt in neue Dimensionen. Bis 2030 sollen rund 70 Prozent der Nachfrage auf Anlagen entfallen, die speziell für KI-Anwendungen ausgelegt sind. Die EU will ihre Rechenzentrumskapazität in den nächsten fünf bis sieben Jahren verdreifachen, die Bundesregierung die Kapazität deutscher KI-Rechenzentren bis 2030 vervierfachen. Welche technischen, regulatorischen und planerischen Herausforderungen damit verbunden sind, diskutierten Expertinnen und Experten bei der Veranstaltung „Grüner wird’s nicht: Datacenter“ am 17. September 2026.

Markus Reigl, Direktor Technische Regulierung bei der SIEMENS AG, ordnete den Wandel des Rechenzentrumsmarktes ein. Klassische Cloud-Datacenter transformieren sich verstärkt zu „AI-Factories“, deren Architektur auf die energieintensiven Anforderungen moderner KI-Anwendungen ausgelegt ist. Die Dimension der neuen Projekte reicht dabei bis in die Gigawatt-Kategorie. Doch Deutschland steht im internationalen Vergleich unter Druck. Laut einer Bitkom-Studie liegt die installierte IT-Anschlussleistung hierzulande bei rund drei Gigawatt und soll bis 2030 auf fünf Gigawatt wachsen. In den USA sind es bereits 48 Gigawatt, mit einer Verdopplung auf 95 Gigawatt bis 2030. Somit bauen die USA jährlich zwei-bis dreimal so viel Kapazität neu zu, wie in Deutschland insgesamt installiert ist.

Netzanschluss als Nadelöhr

Dr. Christian Scherer, Partner bei CMS Hasche Sigle, beleuchtete die rechtlichen Rahmenbedingungen für neue Rechenzentrumsprojekte in Deutschland. Zentrale Herausforderung ist der Netzanschluss. Seit April 2026 gilt für Übertragungsnetzbetreiber ein neues Vergabeverfahren. Statt nach dem Windhundprinzip („first come, first served“) werden Anschlüsse nun nach dem Reifegrad der Projekte priorisiert („first ready, first served“). Ergänzend dazu hat die Bundesregierung im Juli 2026 das Netzanschlusspaket vorgelegt, das unter anderem flexible Netzanschlussverträge ermöglicht, ungenutzte Kapazitäten freigeben soll und regional differenzierte Baukostenzuschüsse vorsieht. Scherer wies zudem auf die zehn entscheidenden Standortkriterien hin, die von Netzkapazität und Konnektivität über Baurecht und Kühlung bis hin zu Energieeffizienz und Arbeitsmarkt reichen.

EnEfG-Novelle bringt Entlastung

Besondere Aufmerksamkeit widmete Scherer der Novellierung des Energieeffizienzgesetzes (EnEfG). Das Kabinett hat im Juni 2026 einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der die als zu starr kritisierten Vorgaben von 2023 praxistauglicher machen soll. So verschiebt sich etwa die Frist für eine vollständige Deckung des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien von 2027 auf 2030. Auf EU-Ebene kommt zudem ab August 2027 ein Nachhaltigkeitslabel für Rechenzentren.

Energieplanung als Schlüssel

Ronald Scholz, Geschäftsführer der FI Freiberg Institut GmbH, zeigte am Beispiel der Cloud-Software Edgar, wie Rechenzentren ihre Energieversorgung bereits in frühen Planungsphasen optimieren können. Die Software erstellt auf Basis von Big Data einen digitalen Zwilling der Energieanlage und analysiert und vergleicht verschiedene Versorgungskonzepte. Dabei stehen drei Aspekte im Mittelpunkt. Der Gesamtenergiebedarf aus IT-Last und Kühlung, die Versorgung über Eigenstromerzeugung oder Netzbezug und die wirtschaftliche Nutzung der Abwärme. Mit den wachsenden regulatorischen Anforderungen an Energieeffizienz und Abwärmenutzung werden solche integrierten Planungstools weiter an Bedeutung gewinnen.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass Rechenzentren keine reine IT-Frage mehr sind, sondern zu Infrastrukturprojekten von industrieller Größenordnung werden. Mit der EnfG-Novelle, dem neuen Netzanschlussverfahren und der Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung werden aktuell die Weichen gestellt, um Deutschland als Standort für Rechenzentrumskapazität wettbewerbsfähig aufzustellen.

Oliver Lehmann
Werkstudent

Kontakt

Jens Böhlmann
Direktor Mittelstand | Grüne Transformation
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